Wieder zu Hause… oder etwa nicht
29 Januar 2008
Jetzt bin ich schon seit 2 Tagen und ein paar Stunden wieder zu Hause? Oder etwa nicht? Wo ist denn mein zu Hause? Wo wohne ich denn? Was ist denn ein zu Hause?
Bisher habe ich natürlich zum “Zuhause” immer dort gesagt, wo ich mit meiner Familie wohnte, aber wo wóhnt denn meine Familie jetzt? Wer ist denn meine Familie jetzt? Es ist unglaublich, wie ich innerlich hin und her gerissen bin, zwischen der Liebe zu meiner “echten” Familie in Deutschland mit meinen Eltern, meinen Geschwistern und der Liebe nach Frankreich zu meiner Gastmama und meinen Freunden. Ich bin jetzt endlich zu Hause in Deutschland, da wo ich mich 5 Monate lang sehnsüchtig hingewünscht habe und nun bin ich nicht einmal sicher, ob ich hier wirklich sein will, denn ein Teil wäre jetzt auch gerne in Frankreich, ein Teil von mir ist sogar noch in Frankreich.
Kaum einen Satz kann ich ausschließlich auf deutsch sprechen und immer wieder schlüpfen mir französische Wörter oder Ausdrücke mit hinein. Wie sehr mein Gehirn auf französisch programmiert war, fällt mir erst jetzt richtig auf. Als ich heute morgen ins Bad ging, um meine Haare zu waschen, kam es mir plötzlich sehr bizarr vor, sie übers Waschbecken zu halten und mich nicht vor die Wanne zu knien, wie ich das seit 5 Monaten gewohnt war, ja sogar von meinem Zimmer aus weiter zum Bad laufen zu müssen als normal kam mir komisch vor. Und dann immer wieder die Gefühle und Erinnerungen, die hochkommen, wenn ich ein Lied höre, eine Videoaufnahme sehe, mit Jemandem einen Mail schreibe und Francoise, die ihr schreibt, dass mein Zimmer jetzt so leer ist. MEIN Zimmer? Eigentlich war das ja Mal ihr Zimmer!
Zuhause bin ich jetzt glaube ich in Deutschland, aber nur, weil ich nicht so schnell nach Frankreich zurück kann. Zu Hause ist man überall. Es gibt kein festes zu hause. Man ist dort zu hause, wo man sich wohl fühlt, wo man erwünscht ist, wo Jemand auf einen wartet, wo etwas auf einen wartet. Meine Familie sind natürlich mein Eltern und Großeltern und Geschwister, aber auch Familie ist ein dehnbahrer Begriff für mich geworden. Man kann ja schließlich auch einen wild fremden Menschen adoptieren und plötzlich ist er Familie. Nun, ich habe auch ein paar Menschen adoptiert, symbolisch gesehen und nun ein große Familie, die sich über 2 Länder erstreckt.
Horror…
18 Januar 2008
Pia ist jetzt weg. Weggangen, weggefangen … gerade eben habe ich ihr noch zugewunken, habe sie fest gedrückt und weinend noch Mal in ihren Pullover gerotzt. Das letzte was ich von ihr gesehen habe, war wie sie am U-Bahneingang stand und mir hinter her sah. Ich muss ganz ehrlich sagen, dass jetzt wo Pia weg ist, mein Austausch beendet ist. In Frankreich waren wir IMMER zusammen. Pia ist Teil meines Austausches gewesen, ein Teil von Frankreich. Dadurch, dass sie weg ist, fehlt der Teil. Es gibt ein Loch und weil ich das nicht mehr sehen will, muss ich hier weg.
Es ist schrecklich, wenn ich daran denke, was ich verloren habe. Ich werde schrecklich sentimental, aber ein Austausch ist so brutal. Man wird aus seiner Welt gerissen, in eine völlig fremde hinein gesetzt, man wird unter Leute gemischt und muss in einer Sprache reden, die einem so gar nciht geläufig ist. Kaum hat man sich dann eingewöhnt, kaum hat man begonnen alles zu lieben, an alles sein Herz zu hängen, sich fest zu binden, wird man wieder heraus gerissen und wieder in eine völlig neue gesetzt. Das Schlimmste, aber an der neuen Welt ist, dass sie so tut, als wäre es die alte, aus der man vor 6 Monaten ausgezogen ist. Alles hat sich verändert, will dir aber vorgaukeln, dass es noch das Alte ist. Du musst dich wieder neu eingewöhnen und dann kommt die Zerissenheit dazu. In meiner Welt in Frankreich ( um das Ganze jetzt Mal persönlich zu machen) sehnte ich mich immer nach Deutschland und bald in Deutschland werde ich Frankreich schrecklich missen. Schon jetzt kann ich ja kaum Fotos von Pia und mir ansehen ohne ganz traurig zu werden und mir alles zurück zu wünschen. Pia war sowieso gar nicht in den Austausch eingeplant. Sie macht den Abschied ja nur noch schwerer, denn natürlich wissen wir, dass wir uns in Deutschland immer wieder sehen können, aber es wird nicht das Gleiche sein. Auch wenn ich später nach Frankreich zurück komme: Es wird nciht das Gleiche sein.
Ich werde nicht in die Schule gehen, ich werde viele meiner heutigen Freunde nicht mehr treffen, ich werde nicht jeden Montag mit Pia auf der rue de la republique spazieren gehen, wir werden uns nie mehr sorglos nach Hause sehen und Sale-Shopping machen, wie die Verrückten. Ich werde nicht mehr bei ihr übernachten und sie nicht mehr bei mir. Wir werden uns nicht mehr gemeinsam nach Hause sehnen und über die Franzosen ärgern. Nichts mehr werden wir machen, denn wenn wir das nächste Mal nach Frankreich kommen, sei es auch wieder in unsere Gastfamilien, werden wir trotzdem nur Besucher sein.
Es tut so unglaublich weh, die Zelte ab zu brechen und alle Bindungen zu lösen.
Und das Schwarz beginnt
15 Januar 2008
So heute war dann das erste Mal abschied nehmen angesagt und wehmütig wird mir dabei. Es war zwar nur meine Option Englischlehrerin, aber es beginnt nun mal. Ich gehe in den Endspurt, meine letzten 2 Wochen und Pia fährt sowieso schon am Freitag. Mein Austausch läuft aus und ich habe mich heute zum ersten Mal verabschiedet.
Gleichzeitig habe ich das Gefühl, nochmal richtig intensiv zu leben. Ich komme noch mal mehr aus meinem Zimmer, zwinge mich öfter zu Unternehmungen, beteilige mich wieder aktiver, weil ich mir auch immer sage, dass es vielleicht das letzte Mal ist, dass ich das tue und das ich es später nicht bereuen will meine Zeit vergeudet zu haben. Ich betrachte mir die Straße genauer, um sie mir nochmal gut ein zu prägen, höre den Menschen besser zu und beobachte sie länger, um sie nicht zu vergessen und ihre Stimmen und Manien/ Gesten, länger im Kopf zu behalten. Ich schieße Fotos, wie der rasende Reporter persönlich, um auch wirklich alles, aber auch alles in meine deutsche Welt mit zu nehmen und nichts so schnell zu vergessen.
Der eigentlich so “ausgenudelte”Spruch: “Lebe jeden Tag, als wäre es der Letzte”, über den man nur noch den Kopf geschüttelt hat, weil man ihn an jeder Ecke hört, bekommt nun eine ganze andere Bedeutung. Ich lebe jeden Tag, weil es SIND meine Letzten.